Wissenschaftler entdecken Pilz, der Plastik “frisst” – Und er ist essbar

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Es sieht so aus, als hätte George Carlin wieder Recht, selbst mehr als zehn Jahre nach seinem Tod. In seiner bekannten Komödie “Saving the Planet” (“Rettet den Planeten”) macht er sich mit seiner urkomischen, aber unheimlich vorausschauenden Sicht auf Kunststoff über politische Umweltschützer lustig:

„Die Erde teilt unsere Vorurteile gegenüber Plastik nicht. Plastik ist aus der Erde hervorgegangen. Die Erde sieht Plastik wahrscheinlich nur als ein weiteres ihrer Kinder. Das könnte der einzige Grund sein, warum die Erde es ermöglicht hat, dass wir selbst überhaupt aus ihr hervorgebracht wurden. Sie wollte Plastik für sich selbst… “

Es mochte absurd erscheinen, bis Studenten der Yale Universität 2012 herausfanden, dass eine seltene Pilzart aus dem Amazonas-Regenwald in der Lage ist, allein von Plastik zu leben. Genauer gesagt, verwertet Pestalotiopsis microspora den Stoff Polyurethan, den Hauptbestandteil von Plastikprodukten, und wandelt es in organische Substanz um.

Darüber hinaus kommt Pestalotiopsis microspora ohne Sauerstoff aus, was einen enormen Vorteil für den Einsatz in Deponien bedeutet.

Auch hier wieder gilt: Die Natur birgt die Antwort. Dieser Ansatz zur Bewältigung der heutigen allgegenwärtigen Überschwemmung durch Kunststoffe ergibt sich genau in dem Moment, als die EU beschlossen hat, bis 2021 sämtliche Einweg-Kunststoffe zu verbieten. Diese Gesetzgebung hat jedoch möglicherweise mehr mit Industriepolitik zu tun als mit der Erhaltung unseres Planeten. Sie leistet absolut nichts gegen, beispielsweise, die riesige Müllansammlung der doppelten Größe des US-Staates Texas, die derzeit im Pazifik treibt.

Und wenn das eine zu große Herausforderung für diese Pilze sein sollte, sind die Wissenschaftler immer noch optimistisch, dass diese Entdeckung zumindest die Art und Weise verändern wird, wie wir Kunststoff betrachten und verwenden. Zum Beispiel stellen sie sich für zuhause Recyclingkits sowie kommunale Recyclinghöfe mit integrierten Pilzsystemen vor, um diesen Prozess zu nutzen.

Aber für all diejenigen, die sich vielleicht fragen werden, ob wir mit all diesem Plastik vielleicht nur ein weiteres Monster schaffen — wuchernde Pilze statt Müllhaufen — erweist sich die Natur wieder einmal als Problemlöser: Einige “plastikfressende” Arten können selbst gegessen werden. Das stimmt tatsächlich — in einer faszinierenden Studie unter der Leitung von Katharina Unger von der Universität Utrecht stellt sich heraus, dass es tatsächlich mehrere Pilzarten gibt, die Plastik “fressen”, und einige von ihnen sind weit verbreitet, wie etwa der Austernpilz, der auch essbar ist.

Doch auch wenn im Pilz letztlich keine Kunststoffbestandteile mehr vorhanden sind und der Geschmack laut Unger “süß mit dem Geruch von Anis oder Lakritz” ist, könnte es schwierig sein, die breite Öffentlichkeit davon zu überzeugen, diese Pilze zu essen. Weitere Studien sind erforderlich, um die Unbedenklichkeit zu untersuchen. Wenn er sich dabei als sicher herausstellt, birgt dieser Prozess das Potenzial, gar ein weiteres Problem zu lösen – den Welthunger. Bei etwa 100 Millionen Menschen auf der ganzen Welt, die jeden Tag Hunger leiden, könnte eine Nahrungsquelle, die durch die Umwandlung aus Müll ensteht, mehr wert sein als ihr eigenes Gewicht an Gold.

Die gesamte Präsentation von Ungers ‘Fungi Mutarium’ können Sie hier anchauen:

Die Liste der Vorteile wird in einem Bericht von Wissenschaftlern der Kew Gardens in London fortgesetzt. Ihr erster Bericht ‘State of the World’s Fungi 2018’ [Zustandsbericht 2018 über die Pilze der Welt] bestätigt, dass Pilze nicht nur beim Abbau von Kunststoffen helfen können, sondern dass sich ihre Endprodukte auch zur Herstellung von Möbeln und Baumaterialien (“Pilzziegel”) verwenden lassen. Zu den weiteren Vorteilen zählen die Fähigkeiten der Pilze, Schadstoffe aus dem Boden zu entfernen und die Umwandlung von Abfällen in Biokraftstoffe zu ermöglichen. Diese erstaunlichen Eigenschaften der Pilze haben Wissenschaftlern wie auch Führungskräften in Architektur und Design eine hoffnungsvolle Perspektive für den Ausblick in die Zukunft eröffnet.

Tom Prescott, leitender Forscher bei Kew Gardens, fasst es so zusammen: “Der Bericht über den Zustand der Pilze in der Welt war ein faszinierender Blick in das Reich des Pilzes und enthüllte, wie wenig wir wissen und welches riesige Potenzial Pilze in so unterschiedlichen Bereichen wie Biokraftstoffe, Arzneimittel und neuartige Materialien haben […] Pilze werden als potenzielle nachhaltige Quelle für Baustoffe angesehen, wobei Unternehmen in den USA die Möglichkeiten zur Markterweiterung prüfen.”

Alles in allem ist die Entdeckung äußerst vielversprechend: Unter kontrollierten Bedingungen dauert es nur wenige Wochen, bis das Myzel-Gewebe im Pilz mit dem Abbau von Kunststoff beginnt, und innerhalb von  einigen Monaten ist der Kunststoff vollständig abgebaut, und es bleibt nur noch ein weißer schwammiger Pilz übrig. Selbst wenn man den Pilz nicht isst oder für etwas anderes verwendet, könnte er kompostiert und viel schneller in den Boden eingebracht werden als Plastik, dessen Abbau schätzungsweise 400 Jahre dauert.

Da das Myzel im Pilz ein natürlicher Zersetzer ist, der zum Beispiel dabei hilft, abgestorbene Bäume abzubauen und wieder in den Boden und somit dem Naturkreislauf zurückzuführen, ist es ein logischer nächster Schritt, es zum Zersetzen von Kunststoff zu verwenden, auch wenn Kunststoff kein organisches Material ist. Pilze erweisen sich einmal mehr als magisch.

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