Radioaktives C-14 aus Reaktor in München entwichen

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Am Forschungsreaktor FRM II bei München hat es einen Zwischenfall gegeben. Obwohl der Reaktor in der Corona-Krise stillsteht, ist radioaktives C-14 ausgetreten. Ein Grenzwert ist überschritten – eine Gefahr für Menschen gibt es laut Betreiber aber nicht.

Am Forschungsreaktor FRM II in Garching bei München ist radioaktives C-14 ausgetreten. Der Jahresgrenzwert des radioaktiven Nuklids sei überschritten worden, teilte die Technische Universität München (TUM) als Betreiberin mit. Für Menschen und Umwelt habe zu keiner Zeit Gefahr bestanden, betonten die Betreiber sowie das bayerische Umweltministerium als atomrechtliche Aufsichtsbehörde. Es sei eine «geringfügige Überschreitung» des i n der Betriebsgenehmigung festgelegten Wertes bei der C-14-Ableitung über den Kamin in die Atmosphäre festgestellt worden, hieß es. Schon

2012 hatte es einen ähnlichen Vorfall mit niedrigeren Werten gegeben.

Der Jahresgrenzwert sei um rund 15 Prozent überschritten worden, sagte FRM-II-Sprecherin Anke Görg auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Eine Auswertung am Donnerstag habe den Wert ergeben. Grund war den Angaben zufolge ein «individueller Fehler» bei der Montage einer Trocknungseinrichtung. Nach dem Austritt von C-14 im Jahr 2012 war das Verfahren laut Betreibern verbessert worden.

Bei einer Ausschöpfung des Grenzwertes liege die theoretische Belastung der Bevölkerung bei maximal 3 Mikrosievert, so Görg. Das sei weniger als der Wert, dem ein Patient bei einer Röntgenaufnahme beim Zahnarzt ausgesetzt sei. Er entspricht laut Technischer Universität zugleich einem Prozent der laut Strahlenschutzverordnung zulässigen jährlichen Strahlendosis von 300 Mikrosievert, die der Bevölkerung aus Ableitungen radioaktiver Stoffe mit der Luft zuzumuten sei.

Grüne und Umweltschützer forderten Konsequenzen aus dem Vorfall. «Mit

Überschreitung des Jahresgrenzwerts für den C-14-Ausstoß darf der Reaktor in diesem Jahr nicht mehr angefahren werden», sagte der Fraktionschef der Grünen im Landtag, Ludwig Hartmann. Es dürfe keine zusätzliche radioaktive Belastung der Menschen in der Nähe des Meilers geben. «Wir müssen jetzt eine grundlegende Debatte über den Forschungsreaktor führen.» Die neue Panne zeige, dass die Betreiber den Reaktor nicht im Griff hätten. «Das ist bei einem Atommeiler nicht hinnehmbar.» Er glaube auch nicht an den «individuellen Fehler eines einzelnen Arbeiters».

Der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner, äußerte sich «sehr besorgt» und forderte eine Stillegung. Er halte

den Betrieb derzeit wegen der Nutzung von hochangereichertem Uran ohnehin für nicht mehr durch die Betriebsgenehmigung gedeckt. Ähnlich äußerten sich Hartmann und Heinz Smital von Greenpeace. Der Forschungsreaktor falle seit Jahren durch eine schlechte Sicherheitskultur auf, kritisierte Smital. Dies schade aber nicht nur der Umwelt, sondern auch dem wissenschaftlichen Betrieb.

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Wegen der Corona-Beschränkungen steht der Reaktor seit 17. März still. Über mögliche Auswirkungen des Vorfalls für den weiteren Betrieb müsse das Umweltministerium in Bayern entscheiden, hieß es. Dieses teilte mit, es habe einen Bericht zum Ereignis, dessen Ursachen und Abstellung angefordert. Der Reaktor werde nur mit Zustimmung des Ministeriums wieder anfahren. «Beim Betrieb des Forschungsreaktors Garching hat der Schutz der Bevölkerung und der Umwelt oberste Priorität», betonte das Ministerium.

Die Meldung sei nach der atomrechtlichen Meldeverordnung in die «Kategorie E» als eilbedürftig eingestuft worden, habe aber nach der

internationalen Bewertungsskala (INES) die Stufe 0, das stehe für keine oder eine sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung.

Die Emissionen fanden vom 20. bis 26. März sowie vom 2. bis 7. April statt. Im April sei der erhöhte Wert aus dem ersten Quartal bei der routinemäßigen Überprüfung durch das Bundesamt für Strahlenschutz und das eigene Labor des FRM II aufgefallen. Der Wert habe noch unter dem in der Betriebsgenehmigung festgelegten Grenzwert gelegen, dennoch sei auf eine monatliche Auswertung umgestellt worden. Am Donnerstag habe die Gesamtauswertung dann den überhöhten Wert erbracht. Aus Wetterdaten der Tage mit C-14-Emissionen sei berechnet worden, dass der Niederschlag auf dem Betriebsgelände des FRM II oder in unmittelbarer Umgebung stattgefunden haben müsse.

Das C-14, das etwa in der Archäologie zur Altersbestimmung organischer Materialien benutzt wird, hat laut Görg eine Halbwertzeit von 5730 Jahren. Am FRM II entsteht es in Form von Kohlendioxid bei einer Kernreaktion im Reaktorbecken, das auch beim Stillstand des Reaktors gefüllt ist. Der Vorfall geschah bei der routinemäßigen Reinigung des sogenannten Schweren Wassers. Ursache des Vorfalls sei ein Fehler bei der Montage einer Trocknungseinrichtung gewesen. Nach der Überschreitung der Werte seien alle Trocknungsvorgänge unverzüglich eingestellt worden.

Der FRM II ist wegen des hochangereichertem Uran umstritten. Atomgegner und Grüne forderten deshalb die Abschaltung, sie sprechen von waffenfähigem Material. Derzeit gibt es Fortschritte bei der Suche nach einem niedriger angereicherten Brennstoff.

Wegen der Einleitung von potenziell schwach radioaktivem Wasser in die Isar hatte es im vergangenen Jahr Bürgerproteste und Einwendungen gegeben, die in einem Anhörungsverfahren mit Umweltschützern, Anwohnern und Behörden erörtert wurden. Es seien aber keine Klagen eingereicht worden, die Frist sei inzwischen abgelaufen, sagte Görg.

Viele Wissenschaftler warteten dringend auf das Wiederanfahren des FRM II, der als eine der leistungsstärksten Neutronenquellen weltweit auch für die Industrie und die Medizin bedeutsam ist, sagte Görg. Es gebe auch schon Anfragen für Forschungsprojekte zum Coronavirus.

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