Ein kleines Dorf namens Ungersheim macht sich unabhängig

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Ein kleines elsässisches Dorf macht sich auf den Weg, energieautark zu werden. Bürgermeister Jean-Claude Mensch setzt seine Ideen konsequent um – in einem Land, das stark von Atomkraft abhängt.

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Ungersheim ist ein Dorf wie jedes andere. Keines von der malerischen Sorte, von denen es im Elsass so viele gibt. Ein Bäcker, ein Gasthaus, das derzeit geschlossen hat, ein großer Parkplatz und das Rathaus. Wer sich um die Mittagszeit zufällig in der Nähe der Grundschule aufhält, staunt allerdings nicht schlecht. Da zuckelt ein Pferdewagen vorbei, gezogen vom Gaul Richelieu, und nimmt ein Dutzend Kinder in Empfang, um sie dann nach Hause zu fahren. Um halb zwei Uhr sammelt sie der Kutscher wieder ein und liefert sie in der Schule ab. Sicher, viele Jungs und Mädchen werden mit dem Auto zum Unterricht gebracht. Nach wie vor. Das mit der Kutsche ist ohnehin “nur ein Baustein von vielen”. Dies sagt Jean-Claude Mensch, der Bürgermeister.

Malerisch schön: Ungersheim.

Das Dorf hat das Interesse der französischen Medien geweckt

Das Dorf im Elsass und sein Bürgermeister, sie haben noch viel mehr in Gang gesetzt – und das Interesse der französischen Medien geweckt. Ein Film der Journalistin und Aktivistin Marie-Monique Robin zeigt: Ungersheim ist kein Dorf wie jedes andere. Hier, so scheint es, packt man die Dinge an, an der Wurzel, ist Vorreiterin – auch wenn dies manchem Durchschnittsfranzosen kurios erscheinen mag. “Was mich besonders begeistert hat, war, dass die Menschen hier den Begriff von Gemeinschaft und Gemeinwesen mit neuem Sinn gefüllt haben”, sagt die Filmemacherin. “Was erwarten wir von der Zukunft, von unserem Leben, von uns und von den anderen? Das sind die entscheidenden Fragen.” Ihre Dokumentation hat Robin also “Qu’est-ce qu’on attend?”(“Was erwarten wir?”) genannt. “Alles steckt in dieser einen Frage”, sagt auch Bürgermeister Jean-Claude Mensch.

Die Aufmerksamkeit hat den 71-Jährigen bestärkt. Seit 1989 hat ihn das 2500-Einwohner-Dorf als parteilosen, inhaltlich doch sehr grünen Kandidaten fünf Mal ins Bürgermeisteramt gewählt. Gleich zu Beginn der ersten Amtszeit ließ er eine mit Holz befeuerte Heizung in die Sporthalle einbauen, Solarzellen beheizten fortan das Schwimmbad. Mensch verbannte Pestizide und Düngemittel aus den Grünanlagen und reduzierte den Stromverbrauch der Straßenbeleuchtung um 40 Prozent.

Es war erst der Anfang. 2011 hat sich Ungersheim der Transition-Bewegung angeschlossen, initiiert vom Briten Rob Hopkins. Orte des Wandels wie Ungersheim, die umfassend ökologisch wirtschaften und die partizipative Demokratie stärken, gibt es auch in Deutschland und anderswo in Europa. Freiburg oder Karlsruhe sind auch “Transition-Towns”. Hopkins war begeistert, wie konsequent Mensch seine Ideen in Ungersheim umgesetzt hat. Wie das kleine Dorf sich auf den Weg macht, energieautark zu werden. Und das in einem Land, das zu 75 Prozent von Atomstrom abhängt und in dem mehr als ein Drittel der Haushalte mit Strom heizen.

Mit alternativen Energien: Das kleine Dorf im Elsass strebt komplette Autarkie an.

Selbstversorgung, geschlossene Kreisläufe, alles verwerten

In Arbeitsgruppen und Bürgerforen ist viel diskutiert und organisiert worden. Mit sichtbaren Ergebnissen. Inzwischen unterhält Ungersheim eine biologisch wirtschaftende Gärtnerei und einen Biohof, den ein Trägerverein betreibt. Täglich werden mehr als 500 Gemüsekisten bestückt und vermarktet, die Schulkantine liefert 500 Essen an Schulen in Ungersheim und den umliegenden Dörfern. Die Reste wandern in die örtliche Suppenküche.

Selbstversorgung, geschlossene Kreisläufe, alles verwerten – das will Bürgermeister Mensch. Logisch auch, dass sich der Gemeinderat in einer Resolution gegen den Weiterbetrieb des Akw im 20 Kilometer entfernten Fessenheim ausgesprochen hat. Doch ganz ohne Strom von außerhalb geht es nicht – trotz des dorfeigenen Solarkraftwerks. Seit zwei Jahren wandeln in Ungersheim Photovoltaik-Platten auf 40 000 Quadratmetern Licht in Strom um für 10 000 Menschen. Es ist angeblich die größte Anlage dieser Art im Elsass. “Wir werden nie zu einhundert Prozent unabhängig sein, schließlich leben wir nicht auf einer Insel”, sagt Mensch. “Wir wollen so weit wie möglich gehen.”

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