Dramatischer Rückgang der Insektenzahlen löst Warnung vor “ökologischem Weltuntergang” aus

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Drei Viertel der Fluginsekten in Naturschutzgebieten in ganz Deutschland sind in den vergangenen 25 Jahren verschwunden, was nach Meinung von Wissenschaftlern gravierende Folgen für das gesamte Leben auf der Erde hat.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung des Entomologischen Vereins Krefeld

Mit speziellen Fallen gefangende Fliegende Insekten wurden von Entomologen (Insektenforschern) zum Sammeln von Proben verwendet.

Die einstige Fülle an Fluginsekten ist innerhalb der letzten 25 Jahren um drei Viertel gesunken, so das Ergebnis einer neuen Studie, welche die Wissenschaftler schockiert hat.

Insekten sind ein wesentlicher Bestandteil des Lebens auf der Erde, sowohl als Bestäuber als auch als Beute für andere Wildtiere. Man wußte schon seit längerer Zeit, dass einige Arten, wie etwa Schmetterlinge, zurückgehen. Dieses neulich entdeckte Ausmaß der Verluste bei allen Insekten hat jedoch Warnungen ausgelöst, dass die Welt “auf ökologischem Weltuntergangskurs” ist, mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft.

Die neuen Daten wurden in Naturschutzgebieten in ganz Deutschland erhoben, haben aber Auswirkungen auf alle von der Landwirtschaft dominierten Landschaften, so die Forscher.

Die Ursache für den massiven Rückgang ist noch unklar, obwohl die Zerstörung natürlicher Gebiete und der weit verbreitete Einsatz von Pestiziden die wahrscheinlichsten Faktoren sind und auch der Klimawandel eine Rolle spielen mag. Die Wissenschaftler konnten Wetter und Landschaftsveränderungen in den Reservaten als Ursachen ausschließen, Daten zu Pestizidspiegeln wurden jedoch nicht erhoben.

“Die Tatsache, dass die Anzahl der Fluginsekten in einem so großen Gebiet so stark abnimmt, ist eine alarmierende Entdeckung”, sagte Hans de Kroon von der Radboud-Universität in den Niederlanden, Leiter der neuen Studie.

“Insekten machen ungefähr zwei Drittel des gesamten Lebens auf der Erde aus, [aber] es gab eine Art schrecklichen Niedergang”, sagte Professor Dave Goulson von der Sussex Universität in Großbritannien, und Miglied des Teams, das hinter der neuen Studie steht. “Wir scheinen riesige Landstriche für die meisten Lebensformen unwirtlich zu machen und sind derzeit auf dem Weg zum ökologischen Untergang. Wenn wir die Insekten verlieren, wird alles zusammenbrechen.“

Die in der Zeitschrift Plos One veröffentlichte Studie basiert auf der Arbeit von Dutzenden Laieninsektenforschern in ganz Deutschland, die 1989 mit streng standardisierten Methoden zum Sammeln von Insekten begonnen haben. In speziellen Zelten, den sogenannten Malaise-Fallen [benannt nach dem schwedischen Entomologen René Malaise (1892–1978)] , wurden mehr als 1.500 Proben sämtlicher fliegenden Insekten in 63 verschiedenen Naturschutzgebieten gefangen.

Für die Studie wurden Malaisefallen in Schutzgebieten in ganz Deutschland errichtet.

Die Malaise-Fallen waren in Schutzgebieten und Reservaten errichtet worden, was nach Ansicht der Wissenschaftler den festgestellten Rückgang noch besorgniserregender macht.

Wenn das Gesamtgewicht der Insekten in jeder Probe gemessen wurde, zeigte sich ein erschreckender Rückgang. Der Jahresdurchschnitt fiel im Laufe von 27 Jahren um 76%, aber im Sommer, als die Insektenzahlen ihren Höhepunkt erreichten, war der Rückgang sogar noch höher (82%).

Frühere Berichte über den Rückgang von Insekten waren auf bestimmte Insekten beschränkt, z. B. auf europäische Graslandschmetterlinge, deren Bestand in den letzten Jahrzehnten um 50% zurückgegangen ist. Bei der neuen Untersuchung wurden jedoch alle fliegenden Insekten erfasst, einschließlich Wespen und Fliegen, die ansonsten selten untersucht werden, was sie zu einem viel stärkeren Indikator für den Rückgang macht.

Die Tatsache, dass die Proben in Schutzgebieten entnommen wurden, macht die Ergebnisse noch besorgniserregender, sagte Caspar Hallmann von der Radboud Universität, die ebenfalls Teil des Forschungsteams ist: „Alle diese Gebiete sind geschützt und die meisten von ihnen sind gut verwaltete Naturschutzgebiete. Dieser dramatische Rückgang ist dennoch eingetreten.“

Die Laien-Entomologen sammelten zudem detaillierte Wettermessungen und registrierten Änderungen der Landschafts- oder Pflanzenarten in den Reservaten. Dies konnte jedoch den Verlust der Insekten nicht erklären. “Das Wetter mag viele der Schwankungen innerhalb der Saison und zwischen den Jahren erklären, aber es erklärt nicht den schnellen Abwärtstrend selbst”, sagte Martin Sorg von der Entomologischen Gesellschaft Krefeld in Deutschland, der die Amateur-Entomologen leitete.

Goulson sagte, eine wahrscheinliche Erklärung könnte sein, dass die fliegenden Insekten sterben, wenn sie die Naturschutzgebiete verlassen. “Landwirtschaftliche Flächen haben für wildlebende Tiere nur sehr wenig zu bieten”, sagte er. “Aber was genau ihren Tod verursacht, steht zur Debatte. Es könnte einfach so sein, dass es keine Nahrung für sie gibt, oder es könnte insbesondere auf chemische Pestizide zurückgehen, oder eine Kombination dieser beiden Faktoren.“

Im September hatte ein führender wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung gewarnt, die Regulierungsbehörden auf der ganzen Welt seien fälschlicherweise davon ausgegangen, dass es vertretbar sei, Pestizide in industriellem Maßstab über ganze Landschaften hinweg anzuwenden, und dass die “Auswirkungen der Behandlung ganzer Landschaften mit Chemikalien weitgehend ignoriert wurden”.

Die Wissenschaftler erklärten, dass weitere Arbeiten dringend erforderlich sind, um die neuen Erkenntnisse in anderen Regionen zu bestätigen und das Thema genauer zu untersuchen. Während die meisten Insekten fliegen, kann es sein, dass diejenigen, die dies nicht tun, seltener Naturschutzgebiete verlassen und sich daher besser entwickeln. Es ist auch möglich, dass kleinere und größere Insekten unterschiedlich betroffen sind, und die deutschen Proben wurden alle aufbewahrt und sind Gegenstand weiterer Analysen.

In der Zwischenzeit sagte De Kroon: “Wir müssen weniger die Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie negative Auswirkungen haben, wie etwa der Einsatz von Pestiziden und das Verschwinden von Ackerlandgrenzen voller Blumen.”

Vogel frisst ein Insekt

Insekten sind nicht nur Bestäuber, sondern auch Futter für Vögel und andere Tiere und helfen bei der Bekämpfung von Schädlingen.

Lynn Dicks von der Universität East Anglia in Großbritannien und selbst nicht an der neuen Studie beteiligt, sagte, die Arbeit sei überzeugend. “Sie liefert wichtige neue Beweise für einen alarmierenden Rückgang, den viele Entomologen seit einiger Zeit vermutet haben.”

“Wenn die Biomasse an Fluginsekten wirklich mit dieser Geschwindigkeit abnimmt – etwa 6% pro Jahr -, ist das äußerst besorgniserregend”, sagte sie. „Fliegende Insekten haben wirklich wichtige ökologische Funktionen, für die ihre Anzahl sehr wichtig ist. Sie bestäuben Blumen: Fliegen, Motten und Schmetterlinge sind für viele blühende Pflanzen, einschließlich einiger Kulturpflanzen, genauso wichtig wie Bienen. Sie stellen Futter für viele Tiere dar – Vögel, Fledermäuse, einige Säugetiere, Fische, Reptilien und Amphibien. Fliegen, Käfer und Wespen sind auch Fresser und Zersetzer, die Schädlinge bekämpfen und in ihrem Bereich aufräumen.“

Eine weitere Möglichkeit, die Insektenzahl zu messen – Autowindschutzscheiben – wurde anekdotenhaft oft genutzt, um einen starken Rückgang zu signalisieren, wobei die Menschen sich an viel mehr Käfer erinnern, die in der Vergangenheit auf ihren Windschutzscheiben zerquetscht wurden.

“Ich denke, das stimmt wirklich”, sagte Goulson. “Ich bin im Sommer quer durch Frankreich und zurück gefahren – gerade dann, wenn man erwartet, dass die Windschutzscheibe überall mit Insekten verunreinigt wird – und ich musste buchstäblich nicht ein einziges Mal anhalten, um die Windschutzscheibe zu reinigen.”

 

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Verweise:

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2 COMMENTS

  1. Hallo, ihr solltet mal eure Google Adsense Einstellungen anpassen. Ich bekomme auf dem Artikel die ganze Zeit einen Artikel Von Bayer angezeigt, wie sie sich zum Glyphosat rechtfertigen. Kann mir nicht vorstellen, dass das in eurem Sinne ist.
    Grüße!

  2. So lange die bereits Jahrzehnte alten Erkenntnisse, dass Insekten keinen Mobilfunk vertragen, ignoriert werden, wird sich die Situation nicht grundlegend bessern.
    Es wäre ja gut, wenn man die übermäßige Chemieanwendung mal in den Griff bekommen würde, aber das rettet die Insekten nicht. Deren Bestände gehen – wie bereits bemerkt wurde – auch in Schutzgebieten zurück. Die sind zwar nicht chemieverseucht, aber oft genug verstrahlt bis in den letzten Winkel, denn “weiße Flecken” auf der Karte, das geht ja gar nicht.
    Da es mittlerweile zum Glück auch durch andere Schäden auffällt, dass die Umwelt nur begrenzt belastbar ist, besteht vielleicht noch Hoffnung für die zunehmende Anzahl elektrohypersensibler MENSCHEN, die auch kaum noch Platz zum Leben finden, dass der Wahnsinn des ungehemmten Ausbaus mit strahlender Technologie mal wieder endet. Es gibt auch biologisch verträgliche Lösungen zur Fernkommunikation.

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