Wissenschaftler töten ‘aus Versehen’ 507 Jahre altes Tier

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“Skandal” schreit es aus der Schlagzeile der britischen Daily Mail: Wissenschaftler haben der Zeitung zufolge eine 507 Jahre alte Muschel namens Ming GEKILLT! (Großbuchstaben im Original). Haben diese skrupellosen Verbrecher in ihren weißen Kitteln denn vor gar nichts Respekt?

Ganz so ist es natürlich nicht. Die wahre Geschichte geht doch etwas anders.

Islandmuscheln (Arctica islandica) gelten in Nordamerika als Delikatesse. In Europa stehen sie ebenfalls auf dem Speiseplan. Doch auch Wissenschaftler interessieren sich seit Jahren für die Mollusken. Denn die Tiere sind sehr langlebig: 200 Jahre sind bei ihnen keine Besonderheit.

Da ihre Schale jedes Jahr um einen erkennbaren “Ring” wächst, lässt sich ihr Alter an diesen messen, ähnlich wie es bei Bäumen der Fall ist. Darüber hinaus unterscheiden sich die Ringe – wieder ähnlich wie bei den Baumringen – von Jahr zu Jahr: Sie sind breiter in warmen Jahren, schmal in kalten. Mit Hilfe dieser Muster wollten Forscher der Bangor University auf Anglesey, Wales, versuchen, Veränderungen des Klimas im Nordatlantik in den vergangenen 1000 Jahren festzustellen.

Etwa 6000 Islandmuschelschalen wurden von den Wissenschaftlern 2006 im Norden Islands gesammelt, darunter auch einige noch lebende Exemplare. Diese wurden eingefroren. Was die Wissenschaftler allerdings nicht wussten: Dadurch töteten sie eines der bislang ältesten bekannten Tiere der Welt. Erst Monate später stieß einer der Forscher bei der Untersuchung der Ringe der Muschelschalen auf das Exemplar WG061294. Eine erste Zählung ergab 405Ringe. Deutlich mehr als die 268 Ringe, die das zuvor bekannte älteste Exemplar aufwies.

Und WG061294 hatte beim Einsammeln noch gelebt! Damit war es das älteste bekannte lebende Tier auf diesem Planeten überhaupt – jedenfalls unter denen, die weiter entwickelt sind als Schwämme und nicht in Kolonien leben. Und es war viel, viel älter als andere Tiere – etwa Galapagosschildkröten oder Grönlandwale -, die für ein langes Leben bekannt sind.

Um andere Konkurrenten um diesen Rekord herauszufordern, veröffentlichten die Forscher eine Pressemitteilung. Daraufhin berichtete die britische Tageszeitung Sunday Times von dem Fund und behauptete, die Wissenschaftler hätten die Muschel unbedingt “Ming” taufen wollen, da zum Zeitpunkt ihrer Geburt in China die gleichnamige Dynastie geherrscht hätte. Eine Lüge, stellte James Scourse von der Bangor University später fest. Doch der Name war in der Welt. Und “Ming” kam ins Guinnesbuch der Rekorde.

Nun haben sich die Wissenschaftler die Muschel erneut vorgenommen, um das Alter noch genauer zu bestimmen. Demnach wurde die Muschel im Jahre 1499geboren und wurde sogar 507 Jahre alt, berichten sie im Journal Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology. Und zwar bereits im März 2013. Doch erst jetzt hat die Öffentlichkeit den neuen Rekord wahrgenommen.

 

“Wir sind uns absolut sicher”

“Wir lagen beim ersten Mal daneben und waren damals vielleicht etwas zu schnell mit der Veröffentlichung”, sagte Paul Butler von der Bangor University dem Wissensmagazin ScienceNordic. “Aber wir sind uns absolut sicher, dass wir das Alter jetzt richtig bestimmt haben.”

Rob Witbaard vom Königlichen Niederländischen Institut für Meeresforschung (NIOZ) fügte hinzu, er sei überzeugt, seine britischen Kollegen würden höchstens ein oder zwei Jahre daneben liegen.

Die falsche Jahreszahl der ersten Untersuchung liegt den Forschern zufolge daran, dass die Ringe sich auf der Innenseite der Muschelschalen, dort wo die zwei Schalen verbunden sind, normalerweise besser zählen lassen als auf der Außenseite. Diesmal jedoch lagen die Ringe aufgrund des extrem hohen Alters des Tieres so dicht zusammen, dass sie nur noch schwer zu erkennen waren.

Nun untersuchten sie die Außenseite, auf der die Ringe wegen der Wölbung etwas weniger gedrängt sind. Ein Vergleich mit den Ringmustern von Muscheln, die vor Hunderten von Jahren in Mings Umgebung gelebt hatten, bestätigte die Geburt mehr als hundert Jahre vor dem ursprünglich angenommenen Termin. Und eine Analyse mit der Radiokarbonmethode, die Jan Heinemeier an der dänischen Aarhus-Universität für die Briten vornahm, untermauerte die Daten zusätzlich.

Während nun die Frage hochspannend ist, wie ein Tier ein so hohes Alter erreichen kann, ist die Antwort vielleicht ernüchternd: Das Geheimnis liegt vermutlich im total langweiligen Leben der Tiere. Der Stoffwechsel der Muscheln ist offenbar sehr langsam, die Tiere liegen Jahrhundert auf Jahrhundert am selben Ort im Schlick des kalten Atlantik, filtern Zooplankton aus dem Wasser und nicht einmal die Fortpflanzung ist besonders aufregend: Das erledigt jedes Tier als Zwitterwesen, das es ist, für sich ganz allein. Es ist also gewissermaßen eine Art Leben auf Sparflamme.

Da liegt natürlich die Frage nahe, wer unter solchen Bedingungen tatsächlich Hunderte von Jahren leben will.

Wer den Wissenschaftlern übrigens vorwirft, dass sie das älteste Tier der Welt getötet haben, sollte sich erstens fragen, ob es weniger schlimm ist, ein Spanferkel zu grillen oder Lämmer zu schlachten, die weit vor Ablauf ihrer normalen Lebenserwartung getötet werden. Und wer Islandmuscheln verspeist, muss damit rechnen, dass vielleicht sogar noch ältere Tiere darunter sind als WG061294, genannt Ming.

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