ALARMSTUFE ROT: Tschernobyl vom Stromnetz abgeschnitten – eine weitere radioaktive Katastrophe für Europa?

Der Kernkraftwerkskomplex von Tschernobyl ist im Zuge der Kämpfe in der Ukraine vom Stromnetz abgeschnitten worden.

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Foto: Karte, die zeigt, wie eine Strahlungswolke Europa während der Tschernobyl-Katastrophe 1986 einhüllte.

Der Kernkraftwerkskomplex von Tschernobyl ist im Zuge der Kämpfe in der Ukraine vom Stromnetz abgeschnitten worden.

Deshalb wurde zunächst befürchtet, dass radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen könnten. Doch ein Experte gibt Entwarnung: Tschernobyl verfügt über eine Notstromversorgung – und auch ohne Strom besteht keine akute Gefahr.

Nachdem das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine, das derzeit von russischen Truppen besetzt ist, vom Stromnetz abgeschnitten wurde, herrscht Unsicherheit. Wie der ukrainische Netzbetreiber Ukrenerho mitteilte, wurden am Mittwoch Stromleitungen durch Beschuss beschädigt. Das staatliche ukrainische Kernenergieunternehmen Energoatom befürchtet, dass der Stromausfall dazu führen könnte, dass die abgebrannten Brennelemente nicht mehr gekühlt werden – und damit radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen könnten.

Radioaktive Strahlung kann schwere und tödliche Mutationen bei Mensch und Tier verursachen, wie in Tschernobyl und Fukushima gesehen.

Vorerst sicher…

Notstromdieselaggregate stellen die Stromversorgung vorerst sicher.

Nach Einschätzung des Sicherheitsexperten Sven Dokter von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) besteht jedoch derzeit “kein Anlass zu großer Sorge”: “Für den Fall, dass die Stromversorgung ausfällt, gibt es zwei fest installierte Notstromdiesel vor Ort, die sich automatisch einschalten. Und selbst wenn diese defekt sind, gibt es mobile Dieselgeneratoren”, sagte er am Mittwoch dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auch die ukrainische Seite hat bestätigt, dass sie über Dieselvorräte für 48 Stunden verfügt.

Was aber, wenn die Stromversorgung nicht mehr gewährleistet ist? Selbst in diesem Fall, so der Experte, bestehe kein Risiko einer größeren Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umwelt. Das liegt daran, dass die Reaktoren in den Blöcken schon vor langer Zeit abgeschaltet wurden, der letzte im Jahr 2000, sagte er. “Das bedeutet, dass sich schon lange kein Kernbrennstoff mehr in den Blöcken befindet – es gibt nichts mehr zu kühlen”, so Dokter.

Ummantelung in Tschernobyl braucht Strom für Strahlungsüberwachung und Belüftung

Die Stromversorgung in der Atomruine dient unter anderem dazu, die Funktionen des 2018 errichteten Schutzraums aufrechtzuerhalten. Er ersetzte den vorherigen Sarkophag, der instabil und zeitweise undicht war, und soll verhindern, dass kontaminierter Staub in die Umgebung gelangt, wenn Teile der ehemaligen Atomanlage abgerissen werden.

“Der Schutzraum, der als ‘New Safe Confinement’ bezeichnet wird, verfügt über viele Einrichtungen, die Strom benötigen – zum Beispiel für die Strahlungsüberwachung und die Belüftung”, so Dokter. Aber auch ohne Strom gebe es kein akutes Sicherheitsrisiko. “Selbst wenn zum Beispiel die Belüftung ausfällt, bedeutet das nicht, dass radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen – dank des Schutzraums ist die Situation selbst dann besser als vor 2018″, betonte der Experte.

Bei einer am 25. April 1986 durchgeführten Simulation eines Stromausfalls kam es im Kernreaktor zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der schließlich um 1.23 Uhr am 26. April zu einer Explosion führte. Grund dafür waren schwere Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften. Auch die Konstruktion des graphitmoderierten Reaktors begünstigte die Explosion. © Quelle: dpa

Brennelemente in Tschernobyl zerfallen mindestens 20 Jahre lang

Der Strom wird auch für die Aufrechterhaltung des Betriebs des Zwischenlagers ISF-1 verwendet. “Im Nasslager ISF-1 gibt es mehrere Becken mit den abgebrannten Brennelementen aus dem früheren Betrieb der vier Blöcke. Sie stehen dort in Wasser, das zwei Funktionen hat: Erstens dient es zur Kühlung der Brennelemente, und zweitens schirmt das Wasser die starke Strahlung ab”, so Dokter.

In intakten Kernkraftwerken könnte ein Mangel an Strom hier zu Problemen führen. Denn wenn das Becken verdampft, können sich die Brennelemente stark erhitzen und zerbrechen, wodurch radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen. Dies war unter anderem bei der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 ein großes Problem, weil ein Becken beschädigt wurde.

Der Unterschied zwischen Tschernobyl und dem Fall in Fukushima besteht laut Dokter jedoch darin, dass die Brennelemente beim Super-GAU vor elf Jahren frisch waren, während sie in Tschernobyl alt sind. “Die Brennelemente in Tschernobyl sind mindestens 20 Jahre alt, die meisten sogar noch viel länger. Deshalb ist die Nachzerfallsleistung so weit abgeklungen, dass sie kaum noch Wärme produzieren und auch ohne Kühlung nicht beschädigt würden”, betont der GRS-Sicherheitsexperte.

Selbst wenn die komplette Notstromversorgung ausfiele – wofür es keine Anhaltspunkte gibt – würde es mindestens mehrere Wochen dauern, bis das Wasser aus diesen Becken verdunstet ist, so Dokter. Es bliebe also noch genügend Zeit, um die Stromversorgung rechtzeitig wiederherzustellen. “Ohne Wasser könnte man sich allerdings wegen der hohen Strahlung nicht neben die Becken stellen und dort arbeiten. Dann müsste man sich überlegen, wie man das Wasser wieder in die Becken bekommt”, so Dokter.

Ukrainischer Energieminister: Strahlenbelastung wegen russischer Besatzung nicht bekannt

Auch die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) sieht “in diesem Fall keine kritischen Auswirkungen auf die Sicherheit”, so Dokter in einem Tweet. Die Wärmekapazitäten des Brennelementlagerbeckens und das Volumen des Kühlwassers reichten aus, um die Wärme auch ohne Strom effektiv abzuführen.

Die russische Besetzung des ehemaligen Kernkraftwerks gibt jedoch Anlass zur Sorge. Russische Truppen haben Tschernobyl am 24. Februar eingenommen. Aus diesem Grund seien den ukrainischen Behörden die aktuellen Strahlungswerte in Tschernobyl nicht bekannt, sagte der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko am Mittwoch. Die IAEA hatte zuvor Alarm geschlagen, dass das Atomkraftwerk zunehmend von der Außenwelt abgeschnitten sei.

 

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